Die soziale Komplexität der Biographie
Biographieforschung befasst sich mit Beschreibungen des Lebens als sozialem Sachverhalt (Corsten 1994). Dies gilt auf zweifache Weise: Biographien sind erstens im kulturgeschichtlichen Prozess als soziale Form entwickelt worden und enthalten zweitens als Gegenstand die Alltags- und Lebenspraxen von einzelnen Menschen, wie sie im Zeitraum des vergangenen Lebens geführt wurden. Biographien dokumentieren insofern die Formen, in denen zu bestimmten Zeiten das Leben der Menschen beschrieben wurde, aber indirekt vermittelt über das Beschriebene auch die Lebensweisen der Menschen selbst. Biographien enthalten daher vielschichtige Bezüge zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in einer geschichtlichen Phase.
Autobiographie, Habitus und Subjektivierung
Ein erste Facette der Biographieanalyse betrifft die Prozessform der Subjektivierung der modernen Person im Verhältnis zum sozial generierten Habitus. Spätestens seit der Moderne ist der einzelne Mensch aufgefordert, seine individuelle Lebensführung zu reflektieren und sich selbst als Subjekt dieser Lebensführung zu bestimmen. Zugleich erfährt sich der Einzelne in der Moderne als sozial geformtes Wesen, das wesentliche Momene seines Handlungsvermögens und seiner Persönlichkeit im Prozess der biographischen Sozialisation habitualisiert hat. Ein wichtiger Forschungszweig besteht somit in der theoretischen Bestimmmung und empirischen Rekonstruktion der Zusammenhänge zwischen Autobiographie, Subjektivierung und Habitusgenese (-> Forschungsprojekt “Längsschnittanalyse”, Publikationen: Corsten/Audehm 2019, Corsten 2020, Jafke et al. 2022).
Biographie und Sphären der Lebenspraxis
Eine Biographie bezieht sich in der Regel auf sozial-typische Bereiche des Lebens wie Partnersschaft und Familie (Corsten 1993), Beruf (Corsten 1998), aber auch Freizeit oder politisches und soziales Engagement (Corsten et al. 2008, Beetz et al. 2014). Das biographische Zusammenspiel dieser typischen Sphären der Lebenspraxis lässt sich auch als “Lebensarrangement” (Brose et al. 1993) auffassen.
Biographie und Zeitlichkeit
Die Biographie beruht auf einem gleichfalls komplexen zeitlichen Zusammenhang. Sie wendet sich als Beschreibung aus der Gegenwart anderen Zeiträumen des Lebens, meist vergangenen zu. Als Erzählung des Lebens findet sie in actu statt, bezieht sich dabei jedoch auch auf Ereignisse des Lebens ex ante und ex post. Sie ist Erzählzeit und erzählte Zeit zugleich. Als erzählte Zeit beinhaltet die Biographie das individuelle Leben als zeitlichen Prozess, der wiederum in der sozialen Zeit situiert ist (Brose et al. 1993).
Biographie, Lebenslauf und Generation
Die besondere Zeitlichkeit der Biographie manifestiert sich in ihrem Verhältnis zum Lebenslauf als sozial strukturierter Institution, der wiederum von Geburtskohorten als Generation jeweils in einem besonderen historischen Erfahrungszusammenhang durchlaufen wird (Holderberg/Corsten 2019, Corsten/Holderberg 2024). Dabei konstituiert sich eine eigene Zeiterfahrung der Generation (Corsten 1999).
Autobiographisches Erzählen und Mythisierung
Aber nicht nur Generationen verfügen über kollektives Gedächtnis, sondern auch andere soziale Gruppen und Einheiten. Sedimente des kollektives Gedächtnis lassen sich anhand der Mythisisierung von Erinnertem im Rahmen von autobiographischen Erzählungen erkennen (Corsten et al. 2022, Corsten/Pierburg 2023, Corsten/Pierburg 2024). Mythisierungen dienen dabei häufig als Rechtfertigungsgeschichten im Diskursraum von Basiserzählungen und Gegenerzählungen (Corsten/Leser/Pierburg in press).