Biographieforschung

Re-Mythisierungen als Realprokte einer sozialistischen Persönlichkeitsbildung

laufend 2023-2025
Prof. Dr. Michael Corsten, Dr. Melanie Pierburg
BMBF/BMFTR

Fallstudie: Re-Mythisierungen als Realprodukte einer sozialistischen Persönlichkeitsbildung

In der Fallstudie Re-Mythisierungen als Realprodukte einer sozialistischen Persönlichkeitsbildung (TP III, Universität Hildesheim; Corsten & Pierburg) werden 100 Interviews aus früheren Untersuchungen (Niethammer et al., 1991; v. Plato, o.J.; Corsten et al., 2008) sekundäranalytisch ausgewertet, die zu verschiedenen Zeitpunkten (30 Interviews von 1987/88 zur DDR-Zeit, 10 von 1992 und 60 von 2001-2010) mit erwachsenen Personen geführt wurden und ein weites Spektrum von Geburtskohorten (1928-1980) umfassen. Der Fokus des Projektes liegt auf der systematischen Re-Analyse dieser Interviews anhand der Mytheme ‚biographische Normalitätsfiktion‘, ‚Gemeinschaftspathos‘ und ‚verhaltene Systemloyalität‘. Zusätzlich werden Zeitzeug:innen aus den vorliegenden Samples re-interviewt, um in einem Längsschnittdesign erfassen zu können, welche der Mytheme konstant sind und welche sich wie verändern. So werden Querschnittbetrachtungen mit den beiden anderen erzählanalytischen Fallstudien möglich.

Die Fallstudie ist Teil des Verbundprojekts “Zwischen Bildungsmythen und Gegenerzählungen”, einer Zusammenarbeit zwischen der Bibliothek für Bildungswissenschaftliche Forschung Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Rostock und der Universität Hildesheim.

Verbundprojekt: Zwischen Bildungsmythen und Gegenerzählungen. Das Ringen um Narrative und biographische Positionierungen zur DDR

Das Verbundprojekt „Zwischen Bildungsmythen und Gegenerzählungen“ schließt an Ergebnisse der Projektarbeit einer ersten Förderphase an. Zentrales Ergebnis war die Identifikation und Rekonstruktion vor allem zweier über die DDR zurück reichender und sie überdauernder Motive und Narrative mit hohem mythologisierendem Potenzial im pädagogischen Feld. Daran anschließend sollen nun Widersprüchlichkeiten, ev. auch Einsprüche und Gegenerzählungen, Kämpfe um Deutungen, stillschweigender Widerstand, aber auch aktiver Widerspruch zu diesen eng mit Vorstellungen eines ‚modernen‘ Erziehungswesen verknüpften Bildungsmythen in der DDR rekonstruiert werden.

Im Verbundprojekt ist die Fallstudie in Cluster C verortet:

Cluster C: Mythen-Derivationen – Bildungsgeschichten zwischen Normalitätsfiktion, Gemeinschaftspathos und Systemskepsis

Wenn Mythen in das alltägliche Erzählen von Personen diffundieren, handelt es sich um besondere Formen, die sich von anderen Modi der narrativer Sachverhaltsdarstellung wie Deutungs-, Rationalisierungs- oder Rechtfertigungsmustern unterscheiden (vgl. Corsten, Gordt & Pierburg, 2023). Bildungsmythen sind seltene Erscheinungsformen in der Empirie des bildungsbiographischen Erzählens. Die Schilderungen von Zeitzeug*innen zum Bildungswesen der DDR dokumentierten kaum Leitbilder einer ‚sozialistischen Persönlichkeitsbildung‘, sondern eher Mytheme, symbolische Bruch- oder Versatzstücke alltäglicher oder gesellschaftlicher Deutungsmuster, die auf Leerstellen, Reibungen und Widerstände verweisen, mit spezifischen Erfahrungen der Bildungswelt DDR verbunden sind und diese spiegeln. Die erzählanalytisch orientierten Fallstudien bieten dem Gesamtverbund so Antworten auf Fragen, mit welchen Kontexten der Alltagspraxis Bildungsmythen verbunden sind und ob bzw. wie sich Erwartungen an die „sozialistische“ Bildung bewähr(t)en. Solchermaßen kann die Genese und Variation von Erzählmustern über die Bildungsbiographien rekonstruierend identifiziert werden; Verschiebungen, Umdeutungen und Relativierungen von Bildungsmythen über die Zeit kommen in den Blick.

Die Fallstudien in Cluster C:

Re-Mythisierungen als Realprodukte einer sozialistischen Persönlichkeitsbildung (Prof. Dr. Michael Corsten, Dr. Melanie Pierburg, beide Uni Hildesheim)

Erzählte Kindheitserfahrungen in der DDR (Dr. Irene Leser, HU Berlin)

Geteilte Kindheitserinnerungen– Narrative im Erinnerungsdialog von Grundschüler*innen mit älteren Menschen aus dem geteilten Deutschland (Prof. Dr. Detlef Pech, Dr. Julia Peuke, beide HU Berlin)