Forschungsschwerpunkt

Symbolische Praxis

Der Forschungsschwerpunkt befasst sich mit der Frage, inwiefern symbolische Praxis und im Besonderen symbolische Gewalt konstitutiv für Prozesse der Vergesellschaftung sind.

In der Sozialtheorie und Soziologie existieren einige Ansätze, nach denen gesellschaftliche Praxis auf dem Gebrauch von Zeichen respektive Bedeutung gründet. Zu nennen wäre die ‘Gebrauchstheorie der Bedeutung’ in der Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins, die Sprechakttheorie (John L. Austin, John Searle) oder die Theorie symbolischer Praxis von Pierre Bourdieu. Meine Forschungen knüpfen an diese Ansätze an und integrieren darin zudem weitere Elemente aus wissenssoziologischen und sozialpragmatischen Theorien (Karl Mannheim, William I. Thomas, John Dewey), siehe dazu Corsten 2020.

Gesellschaftliche Praxis und symbolische Gewalt

In der neueren Soziologie haben Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron (1973) das Theorem der symbolischen Gewalt eingeführt. Gesellschaftliche Praxis beruht demnach auf einer doppelten Konstitutionsweise. Auf der einen Seite erzeugen symbolische Kräfte Legitimationen, die geltende Bedeutungen sozialer Strukturen durchsetzen. Auf der anderen Seite beruht die Legitimation der sozial gültigen Bedeutung ebenso auf der faktisch ungleichen Verteilung von Machtmitteln und Durchsetzungschancen in den sozialen Verhältnissen, die sich qua symbolischer Praxis als legitim ausweisen. Bourdieu und Passeron ähneln sich dabei in ihrer Kritik an konsensualistischen Kommunikations- und Symboltheorien den Vertreter:innen des Poststrukturalismus wie Judith Butler oder Michel Foucault (Corsten 2017).

Kommunikationsmacht und digitale Verbreitungsmedien

Digitale Verbreitungsmedien, speziell die sich im Rahmen des WorldWideWeb ausdifferenzierenden sozialen Plattformen (Web2.0) haben einen signifikanten Wandel in den Prozessen der öffentlichen Kommunikation ausgelöst. Genauer: Digitale Medien verändern die Bedingungen des Erringens von Kommunikationsmacht grundlegend, indem sie sowohl neuartige Möglichkeiten einer virtuellen Face-to-Face-Kommunikation in kleinen Interaktionssettings ermöglichen als auch neue Bedingungen der Kommunikation innerhalb von großen Öffentlichkeiten schaffen, in denen das Verhältnis von Beitrag und Publikum von einer One-To-Many- hin zu einer Many-To-Many-Konstellation verschoben wird. Kommunikationsmacht haben wir dabei als die Kraft angesehen, durch die es kommunikativen Akteure in den jeweiligen Konstellationen gelingen kann, einen verbindlichen Rahmen der Situation zu etablieren.

Populäre Kultur und die symbolische Modernisierung der Moderne

Die gesellschaftliche Bedeutung Populärer Kultur hängt von ihrem enorm gesteigerten Potenzial ab, die Aufmerksamkeit innerhalb von Öffentlichkeiten zu attrahieren, die durch Versammlungen eines dispersen Publikums erzeugt werden. Auf diese Weise befördert Populäre Kultur einen Mainstream der Modernisierung (Hügel 2007) der gegebener gesellschaftlicher Bedeutungshorizonte. Anders gesagt: die regelmäßige Erneuerung dessen, was als attraktive Populäre Kultur gilt, führt zu einer fortwährenden Entwertung bestehender (oder tradierter Kultur).

Gleichwohl finden sich in der Populären Kultur auch Formen, die sich durch die Stilisierung des Vergangenen, Vermissten oder Verlorenen widmen, wie etwa Evergreens oder Schnulzen (Corsten/Schubert 2025).

Ästhetische Praxis

Ästhetische Praxis lässt sich als ein Tun verstehen, das die Wahrnehmung auf das sinnliche Tun des Wahrnehmens aufmerksam macht. Mit ihr geht eine Weise der Geschmacksbildung einher, die den “Reflexionsgeschmack” gegenüber über dem “Sinnengeschmack” privilegiert. Für Bourdieu (1982: 756pp, besonders: 761p.) etwa ist daher Ästhetik eine Quelle distinktiver Praktiken, die es einer soziologischen “Vulgärkritik” der ästhetischen Urteilskraft zu unterziehen gilt. Gleichwohl lässt sich innerhalb der Praxis eine Haltung zur Praxis entfalten, die darauf angelegt ist, der Art und Weise des Tuns gewahr zu bleiben. (Hetzel 2021, in Corsten <Hg.> 2021). Diese Beobachtung gehört zu den Ausgangspunkten des GRK “Ästhetische Praxis” an der Universität Hildesheim .

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